Donnerstag, 22. Januar 2015

17.01.15 - Stellenbesetzungen und eine Hochzeit

Bisher umfasst unser Team 39 Personen. Um für den Vollbetrieb vorbereitet zu sein, benötigen wir die doppelte Menge an Mitarbeitern. Heute heißt es also Bewerbungen sichten. Von unseren HR-Leuten (HR = Human Resources) erhalte ich also die Mappen mit den Bewerbungsschreiben. Das sind ganz grob geschätzt über 1.000 Bewerbungen!!! Sehr viele weisen eine Tätigkeit in einer ETU nach. Das ist also auch kein Alleinstellungsmerkmal. Juway kommt und hilft sichten. Viele Bewerbungen sind computergeschrieben, gleichen sich aber im Text. Das ist in Ordnung so. Ein paar der Tagelöhner haben mich in den letzten Tagen auf eine Festanstellung hin angesprochen. Von ihrer Leistungsbereitschaft und –fähigkeit konnte ich mich bereits überzeugen. Wobei diese vermutlich auch bei den anderen Bewerbern gegeben sein dürfte.

Lauter Bewerbungen, die zu sichten sind.

Als ich über das Gelände gehe, komme ich mit Lawuo ins Gespräch. Sie ist mir durch ihre quirrlige Lebensfreude schon vorher aufgefallen – und durch ihre fantastische Stimme, wenn die Tagelöhner morgens ihr Lobpreislied singen. Ich frage sie, ob sie denn in einem Chor singt. Sie antworte, daß sie das sehr gerne täte, aber kein Geld für ein Chorgewand hat, weil sie für ihre beiden Kinder sorgen muß. Der Blick, als ich sie frage, ob sie denn gerne für mein Team arbeiten würde treibt mir jetzt, zwei Tage später, wo ich diese Zeilen schreibe, immer noch Tränen in die Augen. Dieses Strahlen dieser sowieso schon superfröhlichen jungen Frau! Wir haben vereinbart, in Kontakt zu bleiben. Ich will wissen, was sie noch aus ihrer Stimme machen wird.

Nun kann ich noch viel mehr nachvollziehen, was unser aktueller HR-Leiter kurz nach Beginn seiner Tätigkeit formuliert hat. Er war lange Jahre für einen Energiekonzern in dieser Funktion tätig. Nach ein paar Tagen bei uns sagte er damals begeistert: „Hier darf ich ja endlich mal wieder Leute einstellen! Seit mindestens sechs Jahren war es mein Job, die richtigen Leute zu entlassen!“

Wenn ich allerdings vor unser Gelände trete, holt mich auch ganz schnell wieder die Realität Liberias ein. Täglich warten dort zahlreiche Menschen und hoffen auf eine Anstellung. Viele sitzen den ganzen Tag da. Schauen uns mit großen Augen an. Viele sind leer und verzweifelt. Wir werden immer wieder angesprochen. Fast immer sehr freundlich. Oft auch richtig fröhlich. Doch immer mal wieder bricht auch die Verzweiflung vieler Menschen durch. Sie schildern kurz ihr Schicksal. Manchmal versuche ich, ihnen auszuweichen. Seit ich aber weiß, daß dies als unhöflich gilt, bemühe ich mich, ihre Blicke zu erwidern und sie zu grüßen. Auf meinen Hinweis, daß ich der falsche Ansprechpartner bin, erhalte ich meist die Bitte, ihre Namen und Telefonnummern aufzuschreiben und an den HR-Chef weiterzugeben. „Wenn Du ein Wort für mich einlegst, hört er bestimmt darauf!“ Daß dies nichts nützt, zumal wir ja (bis auf jetzt gerade) niemanden einstellen, wollen sie mir einfach nicht glauben.

Zahlreiche Menschen suchen bei uns Arbeit.

Sie fragen meist auch nach meinem Namen – und der erschallt dann, wenn ich das nächste Mal das Gelände verlasse oder betrete: "Hello Christoph! How are you?"

Dieser Tage erkundigt sich ein Freund nach meinem Befinden. Ich erwidere, daß ich mich noch nicht mit meiner bevorstehenden Rückkehr anfreunden kann. Er beschreibt mir seine Erfahrung als Geologe, wo er wohl oft ähnlich empfand. Er stellte sich dann immer die Frage „Würde ich hier für immer leben wollen?“  Das hilft tatsächlich. Land und Leute sind mir hier wirklich sehr ans Herz gewachsen – aber daß diese Umgebung von Armut und auch Korruption eine Dauerperspektive ist, muß ich doch bezweifeln. Danke, Heinz! Der richtige Tip zur richtigen Zeit!

Abends im Hotel folgt dann der krasse Gegensatz: Der hintere Bereich ist sehr aufwendig und festlich geschmückt. Eine Hochzeitsgesellschaft hat den Bereich gemietet. Wir sitzen am Rand und beobachten natürlich die Szenerie. Irgendwann entgleitet mir die Bemerkung, daß hier vermutlich 20% des liberianischen Bruttosozialprodukts versammelt sind.  Alles total schick und elegant. Im Gegensatz zu unseren einheimischen Mitarbeitern fehlt mir hier aber diese grundsätzlich lebensfrohe Ausstrahlung. Der beste Beleg dafür, daß viel Geld nicht glücklicher macht.


Es kommt dann doch noch ausgelassene Partystimmung auf und sie tanzen und haben viel Spaß. Kurz vor 22:00 Uhr verstummt dann die Musik und die Gäste begeben sich auf den Heimweg. Mit drei jungen Damen, die in unserer Nähe sitzen, kommen wir auch sehr nett ins Gespräch. Auf meine Frage, ob Hochzeiten in Liberia immer so früh enden, erklärt mir Harrietta, daß das im Moment wegen der nach wie vor geltenden Ausgangssperre so ist. Viele der Gäste haben einen längeren Heimweg und müssen vor Mitternacht zuhause sein.  Interessant war auch ihre Sicht auf Liberia – sozusagen als mittelständische Bankkauffrau.   

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