Donnerstag, 22. Januar 2015

20.01.2015 - Rückflug

Im Flugzeug ist viel Platz. Ich sitze am Fenster, habe aber niemanden neben mir. Traumhaft! Beine beliebig ausstrecken, nicht beengt sitzen – paßt. Ich hole erst mal das Netbook heraus. Bin doch noch zu sehr im Arbeitsmodus als daß ich gleich schlafen könnte. Ich wähle aus dem Musikprogramm zuerst U2, danach Afrikanische Musik. Wundervolle Erinnerungen an singende, tanzende und lachende Liberianer.

Zuerst gehe ich Reginas Dokumente durch, die sie in Sachen Hygiene und Arbeitsschutz erstellt hat. Danach schreibe ich am Blog weiter bis der Akku leer ist. Ich beschließe dann, die Augen zu schließen. Das hält aber nicht lange an, weil der Pilot dann den Landeanflug auf Brüssel ankündigt.



Im Flugzeug wurden uns Formulare ausgeteilt, in denen neben den Personalien der Fluggäste auch die Flugnummer, Sitzplatznummer, Anschlußflug sowie Kontaktdaten der nächsten Angehörigen erfragt werden. Diese dienen zur möglicherweise notwendigen Nachverfolgbarkeit von Fluggästen, die mit einem eventuell auftretenden Ebolapatienten während des Flugs in engeren Kontakt gekommen sein könnten. Tolle Sache. Sollte tatsächlich jemand während des Flugs Symptome einer Ebolaerkrankung zeigen, könnte direkt ermittelt werden, wer tatsächlich in Gefahr stand, angesteckt zu werden. In Brüssel wird gleich nach dem Ausstieg aus dem Flugzeug ebenfalls nochmals die Körpertemperatur gemessen. Aber das werde ich die nächsten 21 Tage ebenfalls zweimal täglich tun. Auch wenn ich in den letzten fünf Wochen nicht mit einem Ebolapatienten  in Kontakt war. Dementsprechend rechne ich nicht damit, ggf. die Symptome wegen Ebola zu entwickeln. Deshalb dient die die 21 Tage dauernde Karrenzzeit nach dem Einsatz nicht unbedingt der Vermeidung des Einschleppens von Ebola sondern eher der Vermeidung einer Ansteckung meinerseits. Und damit niemand auf den Gedanken kommt, mein Husten hätte etwas mit Ebola zu tun. Der kommt von den Wechselbädern wegen der Klimaanlagen. Mit der erfolgten Landung in Berlin endet dieser Blog eigentlich. Vermutlich werde ich es mir aber nicht nehmen lassen noch die eine oder andere Rückschau zu posten. 


19.01.15 - Abschied

Heute ist ein emotional sehr anstrengender Tag. Beim Morgenbriefing geht’s noch und zum Glück wurden wir „Abreiser“ fast vergessen und nicht nach vorne gerufen sondern unsere Abreise nur erwähnt und kurz mit Applaus bedacht.


Wesentlich schwieriger wird es dann beim Morgenlobpreis derTagelöhner. Der wundervolle, von Herzen kommende Gesang dringt einfach zu tief. Da werden meine Augen schon sehr feucht. Dann weist  der Vorarbeiter darauf hin, daß bei Beginn der Arbeiten für diese Anlage zu Gott gebetet wurde, daß diese Anlage nie einen Ebolapatienten sehen soll. Nun seien die Gebete erhört worden, und durch die SITTU eine Einrichtung geschaffen worden, bei der Menschen mit anderen Krankheiten Heilung finden sollen. Im daran anschließenden Gebet betet er auch für uns auswärtige Helfer – wie jeden Tag. Ich fühle mich hier tatsächlich sehr gesegnet und wünsche diesen wundervollen Menschen noch viel mehr Gebetserhörungen!

Immer wieder höre ich heute (wie schon seit Tagen, aber heute verstärkt) „We will miss you!“. Ohja, ich werde sie alle auch vermissen. Und wie! Ansonsten hetze ich hin und her. Überwiegend wegen der neuen Mitarbeiter.  Von der laufenden Übung der Aufnahme von Patienten kriege ich nur peripher etwas mit. Reginas Lob unserer Truppe hatte ich erwarte, freut mich aber ungemein. Die werden das hinkriegen – auch wenn ich sie sehr gerne noch ein bis zwei Wochen begleitet hätte. Die packen das!

Vor der Anlage spricht mich eine Frau an, die eine Anstellung will. Sie habe heute Morgen den herumliegenden Müll vor der Anlage aufgelesen. Sie sei von den anderen Wartenden dafür ausgelacht worden, weil sie das ohne Auftrag und ohne Bezahlung macht. Ob ich denn nichts für sie tun könnte, da sie für ihre zwei Kinder zu sorgen hat. Mir fällt ein, daß ich für den anstehenden Dreischichtbetrieb bisher nicht an die dann notwendige Aufstockung der Reinigungskräfte gedacht hatte. Ich spreche mit den HR-Leuten und kann ihr mitteilen, daß sie ab Freitag bei uns arbeiten kann. Und wieder rührt mich diese Dankbarkeit in ihrem Blick fast zu Tränen. Vielen anderen muß ich aber auch absagen. Hier liegen Freud und Leid sehr eng beieinander.




Heute bin ich einer von Vieren, denen die abendliche Abschiedsformation gilt. Noch einmal Abschied nehmen – Ellbogen an Ellbogen. Der Ebolagruß gilt nach wie vor. Dann geht es durch das Spalier aller Kollegen von DRK und Bundeswehr ab in Richtung Flughafen. Ich nehme nochmals die Eindrücke, die Landschaft, die Menschen und ihre Siedlungen entlang der Straße auf – und auch den Verkehr. Am Flughafen nochmals eine Temperaturmessung. 36,5 – reicht nicht zum Hierbleiben. :-) 

18.01.15 - Der Abschied rückt näher

Aufgrund meiner nun unmittelbar bevorstehenden Abreise habe ich vormittags noch einiges zu erledigen. Für den Nachmittag haben wir unsere vier Supervisoren zu einem Meeting eingeladen. Als Ort haben wir dafür aber eine nette kleine Strandbar gewählt. Sie haben mich sehr entlastet und machen einen tollen Job. Der Nachmittag soll eine kleine Belohnung dafür sein. Es hat heute wieder tolle Wellen, aber leider kann keiner unserer Gäste schwimmen. Vielleicht sollte ich zurückkommen und  ein Schwimmkursprogramm initiieren? ...

Sehr nette Geste von Joseph: Er kauft bei einem der Strandhändler ein Armband, zusammengesetzt aus Holzperlen und legt es mir an.




Abends kommt Sylvester vorbei. Er hat sich extra festlich gekleidet und überreicht mir zum Geschenk ein sehr schönes Holzbild auf dem ein Mann auf die Silhouette Liberias blickt und das mit dem Titel versehen ist: „What’s on a mans mind“ also „Woran ein Mann denkt “ Was mich sehr tief berührt ist, das Sylvester einer derjenigen meines Teams ist, der nie besonders auffiel. Weder positiv noch negativ. Das Bild wird einen Ehrenplatz in unserem Wohnzimmer erhalten – und mein Blick somit weiter auf Liberia gerichtet sein. 

17.01.15 - Stellenbesetzungen und eine Hochzeit

Bisher umfasst unser Team 39 Personen. Um für den Vollbetrieb vorbereitet zu sein, benötigen wir die doppelte Menge an Mitarbeitern. Heute heißt es also Bewerbungen sichten. Von unseren HR-Leuten (HR = Human Resources) erhalte ich also die Mappen mit den Bewerbungsschreiben. Das sind ganz grob geschätzt über 1.000 Bewerbungen!!! Sehr viele weisen eine Tätigkeit in einer ETU nach. Das ist also auch kein Alleinstellungsmerkmal. Juway kommt und hilft sichten. Viele Bewerbungen sind computergeschrieben, gleichen sich aber im Text. Das ist in Ordnung so. Ein paar der Tagelöhner haben mich in den letzten Tagen auf eine Festanstellung hin angesprochen. Von ihrer Leistungsbereitschaft und –fähigkeit konnte ich mich bereits überzeugen. Wobei diese vermutlich auch bei den anderen Bewerbern gegeben sein dürfte.

Lauter Bewerbungen, die zu sichten sind.

Als ich über das Gelände gehe, komme ich mit Lawuo ins Gespräch. Sie ist mir durch ihre quirrlige Lebensfreude schon vorher aufgefallen – und durch ihre fantastische Stimme, wenn die Tagelöhner morgens ihr Lobpreislied singen. Ich frage sie, ob sie denn in einem Chor singt. Sie antworte, daß sie das sehr gerne täte, aber kein Geld für ein Chorgewand hat, weil sie für ihre beiden Kinder sorgen muß. Der Blick, als ich sie frage, ob sie denn gerne für mein Team arbeiten würde treibt mir jetzt, zwei Tage später, wo ich diese Zeilen schreibe, immer noch Tränen in die Augen. Dieses Strahlen dieser sowieso schon superfröhlichen jungen Frau! Wir haben vereinbart, in Kontakt zu bleiben. Ich will wissen, was sie noch aus ihrer Stimme machen wird.

Nun kann ich noch viel mehr nachvollziehen, was unser aktueller HR-Leiter kurz nach Beginn seiner Tätigkeit formuliert hat. Er war lange Jahre für einen Energiekonzern in dieser Funktion tätig. Nach ein paar Tagen bei uns sagte er damals begeistert: „Hier darf ich ja endlich mal wieder Leute einstellen! Seit mindestens sechs Jahren war es mein Job, die richtigen Leute zu entlassen!“

Wenn ich allerdings vor unser Gelände trete, holt mich auch ganz schnell wieder die Realität Liberias ein. Täglich warten dort zahlreiche Menschen und hoffen auf eine Anstellung. Viele sitzen den ganzen Tag da. Schauen uns mit großen Augen an. Viele sind leer und verzweifelt. Wir werden immer wieder angesprochen. Fast immer sehr freundlich. Oft auch richtig fröhlich. Doch immer mal wieder bricht auch die Verzweiflung vieler Menschen durch. Sie schildern kurz ihr Schicksal. Manchmal versuche ich, ihnen auszuweichen. Seit ich aber weiß, daß dies als unhöflich gilt, bemühe ich mich, ihre Blicke zu erwidern und sie zu grüßen. Auf meinen Hinweis, daß ich der falsche Ansprechpartner bin, erhalte ich meist die Bitte, ihre Namen und Telefonnummern aufzuschreiben und an den HR-Chef weiterzugeben. „Wenn Du ein Wort für mich einlegst, hört er bestimmt darauf!“ Daß dies nichts nützt, zumal wir ja (bis auf jetzt gerade) niemanden einstellen, wollen sie mir einfach nicht glauben.

Zahlreiche Menschen suchen bei uns Arbeit.

Sie fragen meist auch nach meinem Namen – und der erschallt dann, wenn ich das nächste Mal das Gelände verlasse oder betrete: "Hello Christoph! How are you?"

Dieser Tage erkundigt sich ein Freund nach meinem Befinden. Ich erwidere, daß ich mich noch nicht mit meiner bevorstehenden Rückkehr anfreunden kann. Er beschreibt mir seine Erfahrung als Geologe, wo er wohl oft ähnlich empfand. Er stellte sich dann immer die Frage „Würde ich hier für immer leben wollen?“  Das hilft tatsächlich. Land und Leute sind mir hier wirklich sehr ans Herz gewachsen – aber daß diese Umgebung von Armut und auch Korruption eine Dauerperspektive ist, muß ich doch bezweifeln. Danke, Heinz! Der richtige Tip zur richtigen Zeit!

Abends im Hotel folgt dann der krasse Gegensatz: Der hintere Bereich ist sehr aufwendig und festlich geschmückt. Eine Hochzeitsgesellschaft hat den Bereich gemietet. Wir sitzen am Rand und beobachten natürlich die Szenerie. Irgendwann entgleitet mir die Bemerkung, daß hier vermutlich 20% des liberianischen Bruttosozialprodukts versammelt sind.  Alles total schick und elegant. Im Gegensatz zu unseren einheimischen Mitarbeitern fehlt mir hier aber diese grundsätzlich lebensfrohe Ausstrahlung. Der beste Beleg dafür, daß viel Geld nicht glücklicher macht.


Es kommt dann doch noch ausgelassene Partystimmung auf und sie tanzen und haben viel Spaß. Kurz vor 22:00 Uhr verstummt dann die Musik und die Gäste begeben sich auf den Heimweg. Mit drei jungen Damen, die in unserer Nähe sitzen, kommen wir auch sehr nett ins Gespräch. Auf meine Frage, ob Hochzeiten in Liberia immer so früh enden, erklärt mir Harrietta, daß das im Moment wegen der nach wie vor geltenden Ausgangssperre so ist. Viele der Gäste haben einen längeren Heimweg und müssen vor Mitternacht zuhause sein.  Interessant war auch ihre Sicht auf Liberia – sozusagen als mittelständische Bankkauffrau.   

Freitag, 16. Januar 2015

16.01.15 - Party!

Nachdem das OK aus Deutschland nun da ist, verkünden unsere „Heads of Operation“, also die Einsatzleiter den letzten Übungstag. Ab Montag ist alles Vorbereitung auf die Eröffnung der SITTU, die ich nun leider nicht mehr miterleben werde. Damit wir einsatzklar werden, müssen noch weitere IPC-Kräfte eingestellt und geschult werden. Aus den hunderten Bewerbungen, aus denen wir wählen können, befinden sich zahlreiche, die bereits in einer Ebolastation gearbeitet haben. Damit werde ich mich wohl morgen nochmals beschäftigen dürfen.

Nach einer An- und Auskleideübung der neu angekommenen deutschen Ärzte und Pfleger reklamiert Sackorline die fehlende Kenntnis dieser Kollegen bezüglich der „Sieben Schritte des Händewaschens“. Ich rege an, daß sie sie unterweist. Sie macht das total klasse und die Kollegen sind mit Eifer dabei, von ihr zu lernen. 



Eine liebe Bekannte aus Deutschland wollte die Menschen hier mit ihren Mitteln unterstützen und bat mich, in ihrem Auftrag einen gewissen Betrag sinnvoll zu verwenden. Ich befrage Juway, was denn unseren Leuten helfen bzw. Freude machen würde. Sie meinte, es wäre am besten, ihnen das Geld direkt zu geben. Somit kriegt jeder aus dem Team heute 5 Dollar in die Hand. Die Freude ist ehrlich und riesig!




Am Nachmittag wird zum gemeinsamen Fototermin geladen. Ein Gruppenfoto aller in- und ausländischen Helfer gemeinsam wird geknipst. Danach gibt es noch etwas Fingerfood, Getränke und Musik. Da bleiben die Füsse bei den Liberianern nicht ruhig und sie tanzen – und reißen uns auch mit. Alle Beteiligten haben total viel Spaß!


Und abends werden wieder vier Kollegen verabschiedet. Beim nächsten Abschied trifft es mich... Ich bin sehr dankbar, hier sein zu dürfen.

15.01.15 - DRK und Bundeswehr

Der Tag verläuft eher ruhig. Wir veranstalten ein paar Übungen um das Gelernte lebendig zu halten.

Abends erhalten wir dann endlich die ersehnte Bestätigung aus Deutschland, daß das angestrebte SITTU-Konzept so umgesetzt werden kann. Die Umbauarbeiten dafür sind inzwischen weitgehend abgeschlossen. Da haben Uwe von der Bundeswehr und Christof vom DRK und ihre Crew aus lokalen Helfern schon tolle Arbeit geleistet!

Überhaupt ist die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr hier einfach klasse. Ich habe die tollen Menschen aus der Bundeswehr bisher eher am Rande erwähnt. Dabei ist dieser Einsatz in der Geschichte beider Organisationen historisch! Auftrag der Bundeswehr ist ja nicht die Katastrophenhilfe. Und schon gar nicht im Ausland. Wenn sie im Inland mal Sandsäcke füllen, ist das eher eine Ausnahme und gehört nicht zu derem originären Auftrag.


Diese Zusammenarbeit hängt damit zusammen, daß die Präsidentin von Liberia sich mit einem Hilfeersuchen an die deutsche Bundeskanzlerin gewandt hat. Schlußendlich wurde dann beschlossen, die Ressourcen der Bundeswehr und die Erfahrung in der Katastrophenhilfe des DRK zu verbinden und einen gemeinsamen Einsatz unter Führung des DRK durchzuführen. Da beide Organisationen unterschiedlich arbeiten, brauchte es anfangs natürlich einige Abstimmungs- und Angleichungsprozesse. Aber dafür, daß alle Beteiligten quasi in diese Situation „hineingeworfen“ wurden, wurde sehr schnell eine tolle Zusammenarbeit daraus.


Ich lerne hier also nicht nur tolle Liberianer kennen und schätzen, sondern auch ganz tolle Menschen aus der Bundeswehr. Die Strukturen und Rangabzeichen etc. werde ich wohl nie verstehen – sie aber umgekehrt auch die des DRK nicht. Um diesem „Unwissen“ zu begegnen, hielt ich vor zwei Wochen auch mal einen Vortrag mit Basiswissen über das Rote Kreuz.


Ganz sicher wird dieser Einsatz auf höchster Ebene ausgewertet werden. Ich persönlich würde einen solchen Einsatz jedenfalls sehr gerne wieder machen. 

14.01.15 - Feuer und Flamme

Ein heißer Tag geht zu Ende. Dies nicht wegen der Sonne, die natürlich auch für die übliche tropische Hitze sorgt, sondern wegen unseres Tagesprogramms: Wir schulen die lokalen Helfer in der Brandbekämpfung mit der Kübelspritze. Holzabfälle sind ja ausreichend vorrätig und sorgen für ausreichend Brennmaterial. Den größten Teil der Übung bestreitet mein Nachfolger Alex, tatkräftig unterstützt von Regina und Administratorin Gabi. Den meisten macht das Hantieren mit der Kübelspritze richtig Spaß.





Parallel dazu übt ein kleiner Teil unserer deutschen Mannschaft das Vorgehen bei einem Ebolaverdacht eines Kollegen mit Transfer vom Hotelzimmer zum Rettungswagen. Mein Part dabei besteht, wie sonst auch, aus dem Absprühen potentiell verunreinigter Stellen und Unterstützung beim sicheren Ablegen der Schutzkleidung.

Abends hält eine ehemalige Botschafterin Liberias in Deutschland einen sehr interessanten Vortrag über die Geschichte und Kultur Liberias. Sie erklärt uns auch, woher der „Brauch“kommt, Arbeitnehmern an Festtagen Reis zu schenken oder ihnen Mahlzeiten anzubieten. Dahinter steckt die Firma Firestone, die als erste ausländische Firma Liberianer in der Kautschukgewinnung aus dem Gummibaum einsetzten. Da diese Arbeiter sich bis dahin überwiegend von selbst angebautem Reis ernährt und für den Anbau nun keine Zeit mehr hatten, führte die Firma die Abgabe von Reis ein. Das wurde dann auch von anderen Arbeitgebern übernommen.


Den größten Fehler, den man hier machen kann ist übrigens, nicht zu grüßen. Egal wo. Dann habe ich das bisher ja wenigstens richtig gemacht. Es ist immer wieder schön, wie unsere lokalen Mitarbeiter kommen und uns freudig begrüßen. Natürlich auf Gegenseitigkeit. Ich freue mich ja auch, sie zu sehen. Wir führen tolle Gespräche am Rande. Interessante, lustige aber auch zuweilen ernste.  Es ist wirklich ein Vorrecht, mit diesen tollen Menschen arbeiten zu dürfen. Auch die zahlreichen Menschen, die sich vor dem Tor aufhalten und auf eine Anstellung hoffen: Sie sind immer freundlich und grüßen. Vielen sieht man die Verzweiflung an, mit der sie auf eine Anstellung hoffen. Sie alle können wir leider nicht beschäftigen. 

Dienstag, 13. Januar 2015

13.01.15 - Transition

Neben der Ausbildung der Mitarbeiter des gestern erwähnten Krankenhauses steht heute der Betrieb des Incinerators im Vordergrund, der nach vielen Schwierigkeiten im Aufbau nun endlich einsatzklar ist. Wir haben zwei davon – in zwei Größen. Ein Incinerator ist ein Ofen, in dem Müll unter hoher Temperatur und mit Unterstützung durch ein Gebläse hocheffizient verbrannt wird.


Viel Energie stecken wir seit knapp zwei Wochen in eine Konzeptionsänderung. Da die Zahl der Ebolaerkrankungen in Liberia inzwischen (Gott sei Dank!) sehr weit zurückgegangen ist, macht die Inbetriebnahme neuer Ebola-Behandlungseinheiten derzeit keinen Sinn. Allerdings  kommen im Moment nach wie vor alle anderen Patienten mit Infektionskrankheiten zu kurz. In den Kliniken fehlt Personal und es herrscht die Angst vor Ebola, in den Ebola Behandlungseinheiten werden sie abgelehnt, weil sie ja nicht an Ebola erkrankt sind. Fast alle Patienten, die sich in letzter Zeit bei uns gemeldet haben, wären hier richtig gewesen.


Inzwischen haben fast alle Beteiligten Zustimmung für dieses neue Konzept signalisiert. Deshalb arbeiten wir alle mit Hochdruck an der Anpassung an die neuen Gegebenheiten: Ein paar bauliche Veränderungen müssen getätigt werden. Es braucht etwas mehr an Medikamenten und ein kleines Labor. Manche Vorgänge müssen neu überdacht werden und auch in meinem Bereich muß z.B. das Thema „Schutzkleidung“ neu überdacht werden. Viel Arbeit, die aber total Spaß macht. Der neue Name: Severe Infection Temporary Treatment Unit oder kurz SITTU. 

Montag, 12. Januar 2015

12.01.15 - Team Spirit und ein böser Ausreißer

Die Teams wachsen langsam zusammen. Josephs Team beginnt die Schicht inzwischen mit einem gemeinsamen Gebet. Kaum ist dieses mit einem gemeinsamen „Amen“ beendet höre ich die Techniker ein Lied singen. War wohl für Markus und Stefan zum Abschied. Jedenfalls freue ich mich sehr, daß sich der Teamgedanke langsam überall durchsetzt. Da viele unserer lokalen Helfer zuhause wohl keinen Strom haben oder für diesen einen Generator anwerfen müssen, sind die Steckdosen auf unserem Gelände immer ganz schnell mit Handys belegt. Aber es kam noch nie eines weg! Das finde ich ein tolles Zeichen.

Für heute hat sich auch das Personal des Krankenhauses angesagt, das durch die Bundeswehr in einigen Bauangelegenheiten unterstützt wird. Heute und morgen sollen jeweils rund 10 Ärzte und Pflegekräfte eine Ausbildung im Umgang mit der Schutzkleidung und mit Infektionspatienten erhalten. Natürlich gibt es ein Mißverständnis, so daß sie ordentlich zu spät auf dem Platz ankommen. Macht nix. Ist eben Afrika. Uns wird so auch nicht langweilig. Stetige Lage- oder Programmänderungen haben wir eh jeden Tag. Nebenbei erledige ich noch ein paar administrative Dinge.

Gegen Abend überhole ich auf dem Weg ins Büro einen der Tagelöhner. Er führt eine unserer orangefarbenen „Bio-Hazard“-Tüten mit sich. Ich spreche ihn darauf an, daß es momentan keine gute Idee ist, mit so einer Tüte herumzulaufen. Er entgegnet, er habe sie eben im Müll gefunden.

IM MÜLL! ....

 Jetzt läuten bei mir alle Alarmglocken. Ich fordere ihn auf, die Tüte mir zu geben und erkläre ihm warum. Er will sie selber zurückbringen. Ich begleite ihn und er geht zielstrebig in die Garderobe, wo er den Inhalt herausnehmen will. Ich untersage es ihm, will ihn daran hindern, als die Tüte reißt und  fünf Flaschen Mineralwasser herauskullern. Sie wollen nach den Flaschen greifen – jetz greift nur noch die Notbremse in Form eines lauten „Stop!“ meinerseits. Scheinbar verstehen sie es in diesem Fall nur auf die laute Art. Also mache ich ihnen begreiflich, daß wir hier sind um Ebola zu bekämpfen und daß sie durch dieses Verhalten potentiell infektiöses Material verstreuen. Ich packe die Flaschen in eine andere Tüte, trage sie zum Verbrennungsmüll und lasse den Fußboden mit Chlorlösung absprühen. Auch wenn die Patientin gestern an Ebola erkrankt gewesen wäre, hätte das Virus ziemlich sicher die 24 Stunden  nicht überlebt. Aber  hier düfen wir einfach nicht nachlässig sein oder leichtsinnig werden.

Abends treten alle, wie inzwischen jeden Montag und Donnerstag zur Verabschiedung von Abreisenden an. Mir wird bewußt, daß übernächstes Mal bereits meine Verabschiedung dran ist.  

11.01.15 - Notfall am Sonntag

Ich beschließe, den ruhigen Sonntag für Aufarbeitung und strategisches zu nutzen. Klappt bis zum Mittagessen auch ganz gut. Kurz nach dem Mittagessen ruft ein Mitarbeiter der Botschaft an, der mit einer deutschen Staatsbürgerin im Auto zu uns unterwegs ist. Ihr Gesundheitszustand habe sich rapide verschlechtert. Nach einer ausfühlichen Befragung durch die Mediziner durchs Autofenster können wir eine Ebolainfektion nicht wirklich ausschließen. Wir lassen die Patientin in einen speziell abgeklebten Rettungswagen der Bundeswehr umsteigen.

Dann kommt mein Einsatz: Sowohl der PKW als auch der Weg zum Rettungswagen und der Einstieg werden von mir mit 0,5%iger Chlorlösung besprüht-  Mit dem RTW und einer Begleitmanschaft in einem Geländewagen fahren wir eine gute Stunde zur amerikanischen Behandlungseinheit, die in der Zwischenzeit die Aufnahme zugesagt hat. Als wir uns der Einheit nähern, ist auch schon der typische Chlorgeruch zu riechen. Der Rettungswagen mit der Patientin fährt ins Gelände ein, wird mit Chlor abgesprüht und die Patientin zur Eingangsdusche geführt. Nebenbei läuft das Aufnahmegespräch zwischen den Ärzten und eine nette Konversation mit weiteren Mitarbeitern. Wir haben ja alle denselben Auftrag. Das verbindet einfach.




Für mich (beziehungsweise uns drei vom IPC-Team) ist der Einsatz erst beendet, nachdem ich zurück in unserer Einheit und in Schutzkleidung den Rettungswagen gründlich mit Chlorlösung ausgesprüht habe. 

Nachtrag: Die erste Laborauswertung ergab ein negatives Ergebnis auf Ebola. Höchstwahrscheinlich handelt es sich um Malaria. 

Sonntag, 11. Januar 2015

10.01.15 - Besprechung und Dienstplan

Beim Frühstück lerne ich meinen Nachfolger Alex kennen, der am Vorabend, zusammen mit einer Trinkwasserspezialistin eingeflogen ist. Kristina aus London wird den Bereich der Trinkwasser- und Chloraufbereitung  und deren Entsorgung übernehmen.

Für 10:00 Uhr haben wir unsere drei Supervisors Juway, Sackorline und Joseph zu uns gebeten, um gemeinsam mit Bernd, unserem Personaler einen Dreischichtplan zu entwickeln. Wird eine tolle Besprechung. Wir arbeiten dann noch gemeinsam am Personalansatz und sprechen über weitere Entwicklungen.




Nachmittags muß ich für eine Besorgungstour noch in die Stadt. Fahrer Dolo erklärt  mir auf der Fahrt manches Gebäude am Wegrand. Es stehen viele Bauruinen herum, die in den 1980er Jahren gebaut und wegen des Bürgerkriegs nie fertiggestellt wurden. Er erzählt mir begeistert von der Geschichte des Landes, das als erster afrikanischer Staat 1874 unabhängig wurde. Dafür steht der weiße Stern auf blauem Grund, der die Liberianische Flagge ziert, die sehr stark der Flagge der USA ähnelt. Allerdings hat die Flagge nur 11 rote und weiße Streifen. Diese stehen für die 11 Personen, die die Unabhängigkeitserklärung seinerzeit unterschrieben haben.


Seine Augen strahlen und er ist sehr stolz auf sein Land. Aber auch sehr wütend über die Korruption, die überall herrscht und dem Land letztendlich nur schadet. Wir diskutieren, wie man dem Land wirkungsvoll helfen könnte. Korruption ist leider nur sehr sehr schwer zu bekämpfen.


Am Abend werde ich schon recht früh müde. Zwischen 14 und 16 Stunden Arbeit täglich fordern ihren Tribut und ich muß einfach mal etwas länger schlafen. Tut sehr sehr gut!


Freitag, 9. Januar 2015

09.01.15 - In flagranti

Für Vormittags bittet uns Tobias, einer der Bundeswehrärzte, nochmals zur Klinik von vorgestern zu fahren, um das Zelt zu versetzen. Der heutige Fahrer heißt Joseph und ist der „Cheffahrer“. Auch er macht „die dritte Spur auf“ um am Stau vorbeizufahren. So schade, daß wir Auslandshelfer nicht selber fahren dürfen...

Für 11:30 Uhr habe ich ein Skype-Interview mit dem Südwestfunk Fernsehen vereinbart. Es funktioniert via Handy ganz gut und wird auch am selben Abend in der Landesschau ausgestrahlt.



Als ich an der Toilette vorbeikomme, erwische ich doch tatsächlich in flagranti einen „Dusche-Pinkler“. Ich stelle ihn zur Rede, da er meine diesbezügliche Ansage schon mindestens drei mal gehört haben müsste. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, war er der Meinung, das Loch im Boden sei fürs Urinieren da, die Latrinen nur fürs „große Geschäft“. Wir müssen das wohl jeder Gruppe und jeder Schicht nochmals erklären...

Ich schreibe das nicht, um die Menschen hier bloßzustellen. Ich arbeite sehr gerne mit den Liberianern hier zusammen und wir lernen viel voneinander und haben viel Spaß zusammen. Was den hygienischen Bereich betrifft, müssen wir in unserer ETU aber auch gewisse Mindeststandards sicherstellen, weil wir ja genau die Verbreitung von Infektionskrankheiten verhindern wollen. Es ist von unserer Seite einfach falsch, vorauszusetzen, die Menschen hier würden wie wir denken – und wenn tatsächlich nur ein Viertel der Mitarbeiter hier Zugang zu einer Toilette hat (und wenn es die Hälfte sein sollte und Juway sich verschätzt hat), müssen wir unsere lokalen Helfer dahingehend schulen.  Und ich habe nur noch 10 Tage hier...

Für nachmittags vereinbaren wir einen Besuch im nahegelegenen „Logistic Hub“, dam zentralen Materiallager der Hilfsorganisationen. Beeindruckend, was da aus aller Welt an Waren zusammenkam: Güter aus Japan, Australien, USA und vielen weiteren Ländern. Auch Paletten vom Österreichischen Roten Kreuz sind dabei. Wir stellen zusammen, was wir für unsere Einrichtung noch benötigen.


Auf der Fahrt zum Hub sehen wir von der chinesischen ETU her zwei Helfer in Vollschutzanzügen die Straße entlang rennen. Sie verfolgen wohl einen entlaufenen Patienten. Ebenso eilt Security-Personal mit gezückten Schlagstöcken dazu. Die zwei in Schutzkleidung ergreifen einen Mann, der versucht hat, sich im kargen Gebüsch zu verstecken und führen ihn wieder zurück zur ETU. Ebola ist noch nicht ganz vorbei.

08.01.15 - Alles Sch...?

Unsere beiden Reinigungskräfte Cynthia und Ester beklagen sich, daß die Toiletten oft verschmutzt sind und die Duschen ebenfalls zum Urinieren missbraucht würden. Da ich ja bereits neulich feststellen musste, daß mein „wunderschönes“ Englisch nicht immer von jedem verstanden wird, lasse ich unsere beiden Supervisors jeweils zu Beginn der Schicht auf diesen Mißstand hinweisen. Vor allem Joseph scheint sich in dieser Rolle immer besser zu gefallen. Er erklärt die Dinge, beschwört den Teamgeist und läßt seine Zuhörer bestätigen, was er gesagt hat. Man ist fast versucht, ans Ende seiner Reden auf ein „Amen“ zu warten. Er macht das schon sehr gut.


Später kommt die ETU-Administratorin auf mich zu und fragt, wofür wir 41 Eimer bräuchten. Joseph habe die bestellt. Ich hole ihn dazu und nach hinterfragen kommen wir darauf, daß es hier wohl üblich ist, benutztes Toilettenpapier nicht in die Toilette sondern in einen Eimer zu werfen. Juway sagte mir am Tag vorher, sie schätze, daß nur etwa ein Viertel der hier arbeitenden zuhause eine Toilette hätten! Ich erkläre Joseph, daß wir das mit den Eimern hier auf keinen Fall umsetzen können! Diese würden für Insekten eine Brutstätte bieten, die wiederum die Verbreitung von Krankheiten fördern. Er sieht das letztendlich dann auch ein. Vielleicht sollten wir bei unseren Mitarbeitern mit „Hygiene Promotion“ beginnen?

Mittwoch, 7. Januar 2015

07.01.15 - Augen auf im Straßenverkehr

Nach dem kurzen morgendlichen Briefing schnappe ich mir die sieben unserer lokalen Helfer, die mir bereits am Vortag geholfen hatten, ein Zelt (für die, die es interessiert: ein SG50) abzubauen. Dieses laden wir auf und fahren dann zu einer Klinik, die die Bundeswehr mit einem Umbau unterstützt. Im Wartebereich soll eine Triagestation eingerichtet werden, von der aus Patienten kurz befragt werden können, ohne daß das Personal Gefahr läuft, sich anzustecken. Während des Umbaus soll „unser“ Zelt als Triage dienen.

Ich habe bisher ja kaum das ETU-Gelände verlassen. Da war die Fahrt in die Stadt schon sehr eindrücklich. Ich persönlich liebe diese Art von Straßenverkehr: Kaum Regeln, jeder muß aufpassen, jeder muß auch mal Rücksicht nehmen, die Hupe ist das wichtigste Teil des Fahrzeugs. Interessant ist, als Eric, der Fahrer „eine dritte Spur aufmacht“: Weil sich der Verkehr auf den beiden Fahrspuren in Richtung Stadt staut, zieht Eric nach links auf die linke Gegenspur und fährt dort weiter. Entgegenkommende Autos werden durch Hupe und Lichthupe gewarnt und weichen aus. Wir haben neben dem Rotkreuzzeichen auch einen großen Aufkleber angebracht, der uns als Teil der „Ebola Task Force“ kennzeichnet. Daher dürfen wir das, klärt mich Eric auf. Er lenkt den Landcruiser sehr souverän und sicher. Da bleibe ich auch als Beifahrer ruhig.


Unglaublich viele Menschen stehen auch am Straßenrand und rotieren ihre ausgestreckte Hand hin und her zum Zeichen daß sie mitgenommen werden wollen. Sehr oft halten dann Fahrzeuge und nehmen diese mit. Man kann aber nicht davon ausgehen, daß bei einem vorausfahrenden Fahrzeug in diesem Fall geblinkt wird oder das Bremslicht funktioniert....
Viele Autos haben auch eine Panne und werden direkt auf der Straße, dort wo sie liegenbleiben repariert und dazu ggf. auch provisorisch aufgebockt.

Der Zeltaufbau läuft prima! „Kurz macht lang und lang macht hoch“ haben sie sich von gestern noch gemerkt. Wer schon mal ein DRK-Zelt errichtet hat, weiß, wovon ich rede.

Joseph, als Supervisor der zweiten Schicht, ordnet am Nachmittag noch Großputz in den Bürocontainern an. Sie sind richtig eifrig bei der Sache. 

06.01.15 - Stabile Seitenlage

Am Morgen werden wir von sicher um die hundert Menschen vor der ETU empfangen, die für uns arbeiten wollen. Ein paar davon können als „daily worker“ eingestellt werden. Viele davon leider auch nicht. Als der Personalverantwortliche hinaustritt, wird es kurz mal eng, weil sie ihn eben alle bedrängen und sich einen guten Platz sichern wollen.

Als „Möchtegern-Weltretter“ stelle ich mir inzwischen fast laufend die Frage, wie diesen Menschen wirkungsvoll geholfen werden könnte. Da müßte eben auch gesamtgesellschaftlich was vorwärtsgehen. Am Wochenende hat mir jemand erzählt, daß das Lernen in der Schule fast nur aus auswendig lernen besteht! Das würde natürlich erklären, warum sich viele der Einheimischen so schwer tun, wenn man ihnen eine Anweisung erteilt, bei der Situationserfassung oder Mitdenken gefragt ist. Es gibt einzelne Lichtblicke, aber sehr viele unserer einheimischen Helfer handeln überwiegend nur auf direkten Befehl.





Nachdem das „Emergency Doffing“, also das notfallmäßige Abnehmen der Schutzkleidung am Vortag einige meiner Leute überfordert hatte, schulen wir sie heute langsam und ohne Schutzkleidung im Umgang mit einer bewußtlosen Person und der Trage. Bei der „heißen Übung“ zum Abschluß konnte das erste Team die gestrige Zeit von 8 auf 4 Minuten Ausziehzeit unterbieten. Das zweite Team brauchte 5 Minuten. Dafür gibt’s dann auch ein dickes Lob von mir. Ich bin immer wieder sehr dankbar, wenigstens für diese kurzen fünf Wochen, mit diesen wundervollen Menschen arbeiten zu dürfen!

05.01.15 - Notfalltraining

Heute führen wir zuerst für „mein“ IPC-Team und dann mit den „Medizinern“ ein Notfalltraining durch. Sollte eine Person unter der Schutzkleidung kollabieren und bewußtlos werden, muß diese in Seitenlage gebracht und schnellstmöglich ausgeschleust werden. In dem Fall wird auf das aufwendige Entkleiden verzichtet und die Person aus der Schutzkleidung von hinten her via Schere befreit. Sie machen das schon ganz gut, aber etwas Training ist schon auch noch wichtig.




Supervisor Joseph meldet sich heute krank. Er hatte letzte Woche schon Zahnweh. Wir beschließen, Sacrkorline die Chance zu geben, das Team zu leiten. Sie war in den letzten Tagen vor allem durch gutes und konzentriertes Arbeiten aufgefallen. In den paar Stunden dieser Schicht erlebe ich begeistert, wie diese zurückhaltende junge Frau auf einmal aus sich herausgeht und ihr Team im Griff hält! Selbstverständlich gebe ich ihr am Abend diese Rückmeldung. Wenn wir mal auf einen Dreischichtmodus wechseln, wird sie die dritte Schicht übernehmen.

Insgesamt vier kranke Menschen kommen heute zur ETU – allerdings haben die alle höchstwahrscheinlich kein Ebola. Die Desinfektion der betretenen Bereiche und Räumlichkeiten wird dennoch mit Chlorlösung durch unsere „Sprayer“ dekontaminiert.

Abends werden wieder zwei Helferinnen des DRK verabschiedet und zum Flughafen gebracht. Das Leben ist eben voller Veränderungen.

Sonntag, 4. Januar 2015

04.01.15 - Sonntag

Heute fahre ich mal mit zum Gottesdienst bei der US Army. Dort wird die „No Touch Policy“ eingehalten und wir können dort teilnehmen. Der Weg dort hin bildet ein tolles Bild: Überwiegend festlich und total bunt gekleidete Menschen säumen die Straße. Es scheint das Motto zu herrschen „Je schreiender Stil und/oder Farbe desto besser.“ Sie gehen in eine der zig Kirchen oder Gemeinden, die es in Monrovia gibt. Gefühlt alle 100 m befindet sich ein Gemeindesaal aus dem man die Menschen singen hört!

Beim US-Gottesdienst geht es nicht ganz so laut oder lebhaft zu. Der „Chaplain“, also der Militärpfarrer, begleitet die Gesänge mit einem weiteren Giarristen auf der Gitarre. Das Abendmahl wird mit Nitrilhandschuhen ausgegeben. Hygienevorsorge also auf allen Ebenen. Die Predigt scheint dem fast zu widersprechen, steht darin doch der Satz aus dem Markusevangelium im Mittelpunkt, daß der Mensch nicht durch aufgenommene Nahrung verunreinigt wird, sondern durch das was er spricht, denkt, handelt. Insgesamt ist es eine sehr nette kleine Gemeinschaft dort. Eine der zur Mitnahme ausliegenden „Airborne-Bibeln“ muß ich dann doch mitnehmen.



Um die Mittagszeit meldet sich eine Frau an der ETU, die sich sehr elend fühlt. Sie wird an eine geeignete Einrichtung verwiesen. Sicherheitshalber sprühen wir ihren Aufenthaltsbereich mit Chlorlösung ab.

Nachmittags arbeite ich mal wieder am Dienstplan und abends essen wir auswärts – mit Meerblick. Ist mal eine schöne Abwechslung.



03.01.15 - Chlorquelle

Nach Frühstück und kurzem gemeinsamem Tagesbeginn unterstützen wir unser WatSan-Team dabei, den Weg für den Incinerator freizumachen. Ein Incinerator ist ein hocheffizienter Ofen, der es ermöglicht, Müll mit großer Hitze und sehr effizient zu verbrennen.

Regina erwirbt sich den Titel als "Mitarbeiterin des Monats" - ein gezielter Schlag mit der Spitzhacke und es spritzt Chlor aus der Erde! Unnötiger Unfall aber Eduard kriegt es wieder gerichtet. 


Danach verbringen wir einige Zeit mit strategischer Planung und damit, mit den Pflegekräften zusammen ein Notfallkonzept für den Fall eines Notfalls in Schutzkleidung zu entwickeln. In diesem Fall wird der Betroffene aus der Schutzkleidung vom Rücken her herausgeschnitten.  Am Montag werden wir das dann mit unseren einheimischen Kräften üben. 

02.01.15 - Erster Arbeitstag

Erster echter Arbeitstag im neuen Jahr. Heute bestellen wir unsere Teams „überlappend“ ein. Also so, daß die Frühschicht mit dem Mittagessen endet, die Spätschicht damit beginnt. Der Grund ist, daß mein Vorgänger aus der Bundeswehr, Sebastian, heute Abend nach Deutschland zurückfliegt. Deshalb formieren wir uns nach dem Mittagessen zu einem Gruppenfoto mit unserer gesamten IPC-Crew.

Nach zwei anstrengenden Schichten, in denen wir nochmals verschiedene Abläufe unter Schutzkleidung trainieren, geht es zur Abendbesprechung und anschließendem Abendessen samt anschließender Verabschiedung. Im Rahmen derselben erhält Sebastian noch eine Anerkennung. Das ist wohl was nicht so häufiges bei der Bundeswehr und er hat diese wirklich verdient. Wir Zurückbleibenden haben ihm auch noch ein spontanes Abschiedsgeschenk übergeben: Eine der Schutzbrillen, die uns viel Kummer bereitet hatten, wurde von Regina mit Gumibären befüllt. Die Brille wurde einem aufgeblasenen Latexhandschuh „aufgesetzt“ und stilecht mit einer Haube „verpackt“. Schon schön, wie so ein paar Tage intensiver Zusammenarbeit zusammenschweißen.


Mal gespannt, wer morgen neu zu uns stößt...

Donnerstag, 1. Januar 2015

01.01.2015 - Jahresanfang

Den Jahresanfang können wir noch recht gemütlich angehen. Ich erledige etwas Korrespondenz. Nachmittags findet sich eine kleine Gruppe, die zum Strand fährt. Diesmal einen, der gut 10 Minuten von unserem Standort entfernt liegt. Er ist klein, überschaubar und einfach nett. Da auch in Liberia heute Feiertag ist, finden sich hier auch einige örtliche Familien und Einwohner. Interessante Vielfalt: Zwei jüngere Frauen genießen das Wasser „oben ohne“, 30 m davon entfernt sitzt eine Gruppe muslimischer Frauen, die lange Kleidung und Kopftuch tragen. Auch einige Kinder springen herum und freuen sich am Sand oder spielen miteinander. Im Meer herrscht ordentlicher Seegang, sodaß ich die Wellen richtig geniessen kann.  Als ich aus dem Wasser komme, spricht mich ein einheimischer junger Mann auf meine Operationsnarben an der Wade vom letzten Jahr an und bietet mir an, er könne mir gerne Medikamente besorgen, wenn ich welche benötige. Darauf lasse ich mich dann lieber doch nicht ein, zumal ich ja auch Gott sei Dank auch ohne Medikamente auskomme. 


31.12.14 - Ein Sack Reis

Morgens eine etwas eigentümliche Erfahrung. Die Einheimischen sprechen an sich Englisch. Allerdings haben sie große Schwierigkeiten, harte Konsonanten oder mehrere Konsonanten am Stück korrekt auszusprechen. Beim morgendlichen Briefing erkläre ich etwas auf Englisch. Juway bemerkt wohl, daß sie micht nicht alle verstanden haben. Also wiederholt sie es in dem hier üblichen (aus meiner Sicht „schlechten“) Englisch – und sie verstehen es alle!!!

Zwei  Delegierte der Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften besichtigen die ETU.

Als Weihnachten vorbei war, erfuhren wir, daß es in Liberia üblich ist, daß Arbeitgeber ihren Mitarbeitern einen halben Sack Reis schenken. Damit war es dann natürlich zu spät. Deshalb wird die Aktion zum Jahreswechsel hin mit einem ganzen Sack Reis, den jeder Mitarbeiter erhält, nachgeholt. Beeindruckend, wie manche so einen 25kg Sack auf dem Kopf nach hause tragen!




Da im Land nach wie vor Ausgangssperre herrscht, feiern wir den Jahreswechsel im Innenhof des Hotels. Ein mitreißender Auftritt einer Trommel- und Tanzgruppe steht programmlich im Mittelpunkt. Der Chef der Truppe erläutert die verschiedenen vorgeführten Tänze. Ich liebe diese Rhythmen und Gesänge einfach! Danach spielt eine Band. Um 23:00 Uhr versuche ich in Deutschland anzurufen, da dort das neue Jahr ja bereits eine Stunde  früher begann. Klappt leider nicht. Natürlich wird auch aufs neue Jahr angestossen. 

30.01.14 - Verstärkung

Nachdem wir gestern einen Schwung Kollegen verabschiedet haben, sind mit demselben Flugzeug auch wieder neue Kollegen angekommen. Zu mir stößt Rolf als Verstärkung. Er ist Hygieniker, kennt sich also mit Mikroerregern aus. Sebastian wird am Freitag nach Deutschland fliegen.

Auch heute wird es uns nicht langweilig. Es ist nach wie vor viel zu üben. Da in den letzten Tagen die Konzentration mehr auf das An und Ablegen der Schutzanzüge gerichtet war, ist nun wieder höchste Zeit, die Tätigkeiten, die die Teams später ausrichten werden, zu beüben. Das wird morgen im Mittelpunkt stehen.


Am Nachmittag besichtigt eine US-Delegation die ETU. 

29.12.14 - Abschied

Den Tag über üben wir in zwei Schichten mit dem medizinischen Personal das An- und Ablegen der Schutzkleidung. Es wird immer besser, trotzdem (oder genau deshalb) dürfen wir im Üben nicht nachlassen.

Das Training wird um die Mittagszeit durch einen Besuch der Generalsekretärin der UNMIL (= UN Mission in Liberia) unterbrochen. Kurzer Festakt, Ansprache, zwei unserer Soldaten erhalten eine Ehrung, Besichtigung der ETU und weg sind sie...


Der Abend ist dann mit einer leichten Wehmut überzogen: Eine ganze Menge Leute fliegt heute Abend nach hause bzw. in die Karrenz an die Ostsee. Die haben sehr viel bewegt . In jeder Hinsicht. Es sind Leute dabei, die ich vorher schon kannte, aber auch ein paar, die ich erst hier kennen- und schätzen gelernt habe. Vor allem die Kollegen der Bundeswehr. Der Heimflug sei ihnen natürlich gegönnt. Aber die gemeinsame Aufgabe hat uns schon ganz schön zusammenwachsen lassen und mit jedem von ihnen würde ich jederzeit wieder in einen Einsatz gehen. 

28.12.14 - Sonntag

Der heutige Sonntag ist wieder eher ruhig. Morgens bespreche ich mit Christof, der für die Bereitstellung bzw. Aufbereitung von  Trinkwasser und Chlorlösung mit verantwortlich ist, wie ein mögliches Notfallkonzept für seine Leute aussehen könnte. Für den Fall, daß sie mit kontaminierten Fäkalien in Berührung kommen, müssen wir auch für diese Mitarbeiter das korrekte Ablegen der Schutzkleidung sicherstellen.

Den Rest vom Tag widme ich mich neben netter Unterhaltung  und Blog schreiben wieder meinem „Lieblingsprojekt“, dem Dienstplan. Ist immer noch eine Mordstüftelei aber es geht wenigstens vorwärts!

Eine Kollegin holt sich nach einem Sonnenbad einen Sonnenbrand. Auf mein Angebot einer After Sun Lotion erwidert sie: „Nein Danke. Ich will nicht noch mehr auf meine Haut schmieren.“ Sie hat schon Recht.: Nach der Malariatablette (manche nehmen sie auch abends) und der Messung der Körpertemperatur (2x täglich)  sind Sonnenmilch und Insektenschutz aufzutragen. Spätestens am Abend braucht es den Insektenschutz erst recht. Also noch mal. Und nach dem vielen Hantieren mit Chlorlösungen darf auch die Hautpflege, zumindest die der Hände, nicht vernachlässigt werden. Ist alles wichtig – aber ich verstehe auch, wenn dann jemand keine Lust hat, noch mehr zu „schmieren“.
So viel wie hier habe auch ich selber noch nie Körperpflege betrieben. Prävention ist in diesem Einsatz einfach wichtiger denn je. Jeder hier, dem es zwischendurch mal schlechter ging berichtet, wie gut es tut, zu wissen, man hat alles getan um eine Ansteckung mit Ebola zu vermeiden so daß eine Infektion ausgeschlossen werden kann. 


Zur Prävention gehört auch der „Ebola-Gruß“ den hier wirklich ausnahmslos jeder anwendet: Anstatt sich die Hände zu schütteln berührt man sich kurz mit der Außenkante der Ellbogen.